Der Megastar

"Ich bin ein Mensch, der leicht verbeult"

"Ich muss bei allem so tun, als hinge mein Leben davon ab": Williams über seine Arbeit
Noch immer schluckt er täglich Pillen gegen seine Depressionen. Doch seine Drogensucht hat er überwunden. Und auch seinen Hang, mit Frauen nur zusammenzusein, wenn er sich einsam fühlt: "Ich bin jetzt bereit für meine erste Liebe", verrät Robbie Williams dem stern im Exklusiv-Interview.

Mr. Williams, angenommen, Sie sind einen Tag lang eine Frau: Was tun Sie?
Ich kaufe mir einen dicken Notizblock und schreibe alles mit, was ich denke. Dann werde ich endlich kapieren, was in den Köpfen von Frauen los ist, wenn sie wieder einen dieser beschissenen hysterischen Anfälle haben. Ich könnte dann erstmals mit reinem Herzen sagen: "Okay, okay, Liebling, jetzt habe ich endlich begriffen, was du immer an mir kritisierst." Und ich werde Sex haben, sehr viel Sex. Aber, stopp! Das würde ja bedeuten, ich schlafe mit einem Mann. Na gut, es gibt ja auch Lesben, mit denen ich ins Bett gehen könnte. Ich will endlich mal wissen, wie sich Sex für eine Frau anfühlt. Und ich möchte einen weiblichen Orgasmus spüren. Die Frauen sehen dabei so großartig aus, und sie können einen Orgasmus nach dem anderen haben. Das hat mich schon immer neidisch gemacht. Ich fürchte, ein Mann sieht beim Orgasmus eher aus wie ein Gewichtheber, der unter Verstopfung leidet.

Als Sie vor fünf Jahren Alkohol, Kokain, Heroin und Crack abschworen, erklärten Sie: "Jetzt ist die Zeit gekommen für jemanden, der mich bedingungslos liebt und dem ich bedingungslose Liebe zurückgebe."
Sie haben sich dann zwei Dänische Doggen gekauft. Als ich letztes Jahr 30 wurde, habe ich Bilanz gezogen. Ich halte meine Dämonen in Schach und habe so ziemlich alles in meinem Leben - außer Liebe. Die große Leerstelle bei mir ist die Mrs. Forever zum Heiraten und Kinderkriegen.

Was ist für Sie schwieriger: Jemand anderen zu lieben oder sich selbst?
Ich war nie mit Frauen zusammen, weil ich sie mochte, sondern weil ich mich einsam fühlte. Ich selbst zu sein und mich hinzugeben war undenkbar. Dazu fehlte mir die Selbstachtung. Insgeheim dachte ich, wenn sich eine Frau in einen wie mich verliebt, dann kann sie nichts taugen. Also lief ich einfach weg, bevor eine Beziehung drohte. Als ich vor fünf Jahren clean wurde und bei den Anonymen Alkoholikern eincheckte, habe ich mir versprochen, erst dann eine Beziehung einzugehen, wenn ich mir zutraue, so zu sein, wie jede Partnerin es wünscht: aufrichtig und ohne Affären. Heute habe ich mein Gehirn so weit entwirrt, dass ich mir das zutraue. Bitte, Gott, gib mir eine Frau, es wird wirklich Zeit! Ich mag mich inzwischen. Ich bin okay. Ein guter Junge, der bereit und fähig ist für seine erste Liebe.

Sie wirken wie jemand, der viel zu sehr von sich selbst beansprucht ist, um sich einem Menschen widmen zu können. Zudem bewegen sich Ikonen wie Sie in einer höchst künstlichen Welt voller Misstrauen und Hysterie. Wie können Sie da hoffen, Mrs. Williams zu treffen?
Es stimmt, in einem Gefängnis bist du verdammt, deine Zellennachbarn zu vögeln. Aber ich bin auf freiem Fuß, ich bestehe nicht zu hundert Prozent aus Selbstsucht, und ich halte mich nicht für künstlich. Vielleicht gibt es da draußen eine, die auch nicht künstlich ist. Ich glaube, du kannst glücklich sein, wenn dir in deinem ganzen Leben zwei Menschen begegnen, die du liebst. Vielleicht wird es auch nur einer sein. Meine Mrs. Right ist da draußen irgendwo. Also werde ich weiterwandern, vom Hotel zum Jet und vom Jet zum Hotel - bis ich sie endlich gefunden habe.

Warum leben Sie seit drei Jahren in Los Angeles?
Es tat mir weh, England zu verlassen, aber selbst mit meinem Heimatort Stoke-on-Trent verband mich nicht mehr viel, seit meine Oma vor ein paar Jahren gestorben ist. In den USA bin ich kein Star. Deshalb werde ich dort einigermaßen in Ruhe gelassen. Es tut meiner Seele gut, keine Angst vor durchgeknallten Stalkern haben zu müssen oder vor Paparazzi, die meinen Penis beim Pinkeln fotografieren. Dafür ist es in Los Angeles fast unmöglich, sich zu verlieben, weil die Frauen dort so gottverdammt neurotisch sind. Bei ihrem Gestörtsein entwickeln sie wirklich übermenschliche Kräfte. Fast jede dieser Zicken ist eine Supermacht der Neurosen.

Sie nennen Ihre Villa in den Hollywood Hills gern "Pants Down Palace", also "Hosen-runter-Palast". Wie frivol geht es dort zu?
Ich habe ziemlich schnell die Lust verloren, weil die Mädchen doch irgendwann drauf kommen, dass ich nicht Joe Nobody bin - und dann bekommen sie diesen gierigen Dollar-Blick. Manchmal läuft es aber auch genau andersrum. Neulich habe ich mich viermal mit einem Mädchen getroffen, immer in Restaurants. Ich erzählte ihr, ich sei irgendein Musiker, der hin und wieder ein paar Songs verkauft. Beim fünften Date kam sie mit zu mir. Mein Haus ist ganz schön beeindruckend, und ich sah ein großes Fragezeichen auf ihrer Stirn. Ich mochte sie ein bisschen, und die Situation törnte mich an. Also wollte ich ihr zeigen, was ich tue, und legte eine DVD ein mit meinem Auftritt in Knebworth. Sie sah, wie mir 125.000 tanzende Menschen beim Singen zuschauen - ziemlich beeindruckend. Es war ein surrealer Moment: Sie starrte mit offenem Mund den Bildschirm an und wurde total konfus. Überflüssig zu sagen, dass wir uns nie wieder gesehen haben.

Sollen wir jetzt denken, Sie leben keusch?
Ich hatte schon sehr, sehr lange keinen Sex mehr. In Los Angeles stört mich das auch nicht. Ich mag mein Haus, mein Schlafzimmer, und ich will dort niemanden haben, weil das eine Art Befleckung sein könnte. Wenn ich rumreise, kippe ich ins andere Extrem und biete mich quer durch das uns bekannte Universum an. Also Achtung, Mädchen, ich bin im Wahlkampf und werbe um eure Stimmen!

Am Beginn Ihrer Karriere sagten Sie: "Um ein Star zu werden, würde ich sogar nackt den Eiffelturm hochklettern und mir auf den Rücken schreiben: 'Vögel, scheißt auf mich!'" Später folgten Jahre der Märtyrerposen und öffentlichen Selbstzerfleischung. Pendeln Sie immer noch zwischen Größenwahn und Minderwertigkeitskomplexen?
Ich bin ein Mensch, der leicht verbeult. Ein Motiv von mir, Popstar zu werden, war die Hoffnung, dass mich dann niemand mehr verletzen kann. Aber es ist das Gegenteil passiert: Ruhm vergrößert deine Empfindlichkeiten, er verstärkt deine Schwächen, und er offenbart die unheimlichsten Seiten deines Charakters. Im Moment fühlt es sich allerdings verdammt brillant an, ein Popstar zu sein. Ich fliege in meinem Privatjet umher, an Bord wird mir Sushi serviert, und wir singen die neuen Songs, die ich geschrieben habe. Ich habe tonnenweise Spaß.

Ihr kommende Woche erscheinendes Album "Intensive Care" annoncieren Sie als musikalische Neugeburt.
Ich musste Robbie Williams töten, weil er begann, mich anzuöden. 38 Millionen verkaufte Alben, ein mit 80 Millionen Pfund dotierter Plattenvertrag: Alles war viel zu einfach geworden. Dieser Typ sollte jetzt mal riskieren, mit seinen neuen Songs auf die Schnauze zu fallen. Andernfalls wäre es besser, er würde den Mund halten und bis an sein Lebensende bloß noch Golf spielen.

Wann sind Sie dazu übergegangen, sich in der dritten Person wahrzunehmen?
Ich hatte die Figur Robbie Williams noch nie unter Kontrolle. Als ich vergangene Woche in Amsterdam auftrat, hatte ich mir fest vorgenommen, die großen Performer-Gesten wegzulassen. Ich wollte bloß dastehen und singen. Aber mein Körper hat mir einfach nicht gehorcht. Und plötzlich war wieder alles da: meine hochgereckten Arme, das Deuten ins Publikum, die große Show eben, die den Leuten das Gefühl gibt, für zwei Stunden geliebt zu werden. Ich schaue mir dann selber dabei zu, wie es ist, dieser gefallsüchtige und umwerfend charismatische Entertainer Robbie Williams zu sein.

Viele Ihrer Anhänger waren entsetzt, dass Sie Ihren langjährigen Co-Songschreiber und Produzenten Guy Chambers durch Stephen Duffy ersetzt haben, einen chronischen Melancholiker und kommerziellen Pechvogel.
Ich wollte mir und der Welt beweisen, dass Guy nicht der allmächtige Mastermind hinter meinen Hits ist. Stephen ist ein wunderbarer Coach, der einen Spieler dazu bringt, über seine Möglichkeiten hinaus zu spielen.

Können sich zwei depressionsgefährdete Charaktere wie Sie gegenseitig aufrichten?
Wir hätten uns gegenseitig Blowjobs verpassen können. Das ist ja nichts Schwules, solange du nicht schwul bist. Aber das Wunderbare ist die Empathie zwischen uns. Wir sind beide sehr schüchtern und introvertiert und verstehen blind, wovon der andere spricht. Auch Stephen hatte seine Drogenjahre, machte sich mit Models unglücklich und war dann wegen Depressionen in Therapie. Er leidet zudem unter den gleichen Panikattacken in der Öffentlichkeit wie ich. Es hilft beim Songschreiben, wenn beide die gleichen Neurosen haben.

Macht Sie nur Unglück kreativ?
Meine Therapeuten sagen, Glück besteht darin, sich selbst zu akzeptieren. Mein neues Album entstand in der bislang glücklichsten Phase meines Lebens. Sollte es deshalb ein Flop werden, bin ich am Arsch. Ich müsste sofort meine Happy Pills absetzen und schnellstens wieder depressiv werden.

Sie brauchen noch immer Ihre tägliche Dosis des Antidepressivums Effexor?
Ja, und ich sehe auch keinen Grund, diese Pillen abzusetzen. Einige Leuten warnen, ich solle mich nicht von einem Medikament abhängig machen, aber ich denke: Warum denn nicht? Diese Pillen behindern mich nicht, und sie machen mein Leben viel erfreulicher, weil sie mich seelisch im Gleichgewicht halten.

Nachdem ein Video sie beim Koksen zeigte, wurde Kate Moss von den Medien als "Robbie Williams der Modewelt" etikettiert. Welche Parallelen sehen Sie?
Ich habe Kate sehr, sehr gern, aber wir sind keine verwandten Seelen, auch wenn wir beide mit 15 aus unserer Kindheit katapultiert wurden. Seit ich clean bin, haben wir uns nicht mehr getroffen - warum, können Sie sich denken. Seit langem wusste jeder, was mit ihr los ist. Die Treibjagd der englischen Yellow Press ist ekelerregend. Man versucht allen Ernstes, sie in den Selbstmord zu treiben. Dabei hat sie niemandem etwas angetan, nur sich selbst. Ich habe mit genau jenen Journalisten gemeinsam Drogen genommen, die jetzt schreiben, wie schlimm es sei, dass sie kokst. Für diese Heuchler sollte es keinen Platz auf dieser Welt geben. Sie verdienen es nicht zu leben.

Der Schriftsteller William S. Burroughs schwärmte einmal: "Wenn Gott jemals etwas Besseres erschaffen haben sollte als Kokain, dann hat er es für sich selbst behalten."
Burroughs redet Bullshit, denn Ecstasy ist viel besser als Kokain.

Gott ist also doch großzügig.
Kokain ist eine verdammte Depri-Droge. Ich habe mir jahrelang dabei zugesehen, wie sich mein Leben in Scheiße auflöste. Ich erinnere mich, wie ich mit 19 mit einem 35-Jährigen gekokst habe. Ich fragte ihn: "Hast du jemals Spaß gehabt, wenn du eine Linie ziehst?" Seine Antwort war: "Nicht wirklich. Du kannst nur länger wach bleiben als andere - und das ist ein verdammter Scheißsport." Ich habe Drogen nie genommen, um Spaß zu haben, sondern weil ich einsam war und mich fühlte wie ein Haufen Dreck. Ich wünsche Kate die Erfahrung, welche Freude es ist, keine Drogen mehr in der Blutbahn zu haben. Du wachst nicht mehr mit diesem grausamen Kokainkater auf und musst nicht grübeln, was du gestern Nacht wieder Peinliches angestellt hast.
Sie werden bis ans Ende Ihrer Tage ein Suchtcharakter bleiben. Wie holen Sie sich heute Ihre Kicks?
Als ich clean wurde, kam mir das Leben erst mal so aufregend vor, wie mit der eigenen Schwester zu tanzen. Heute denke ich: "Wenn du ein Konzert gibst, starren dir Tausende ins Gesicht, und du starrst denen ins Gesicht. Welche Sorte Kick könntest du um Himmels willen mehr brauchen als das?" Ansonsten gibt es da noch dreifache Espressi, drei Packungen Silk Cut Purple am Tag, Scrabble und Fußball.

Als bekehrter Sünder wären Sie ein perfektes Aushängeschild für Scientology. Gab es Versuche, Sie anzuwerben?
Nichts Eindeutiges, jedenfalls bin ich nicht hingegangen.

Aber nach diesem Interview werden sie es wahrscheinlich wieder versuchen. In Ihrem neuen Song "Random Acts of Kindness" besingen Sie den 1947 gestorbenen Aleister Crowley, einen drogensüchtigen Okkultisten, der mit Hostien aus Exkrementen, Blut von Kleintieren und ritualisierten Sexorgien das Christentum überwinden wollte. Müssen wir uns Sorgen um Ihr Seelenheil machen?
Ich bin ein großer Fan von allem, was mit Okkultismus, schwarzer Magie und übernatürlichen Phänomenen zu tun hat. Schon meine Mutter hat nach Ufos Ausschau gehalten. Meine Angst vor Gespenstern und Untoten grenzt bedauerlicherweise an Paranoia. Ich kann oft nicht allein schlafen, weil ich mich von ihnen terrorisiert fühle. Ich versuche, mit denen zu reden, aber die hören mir offenbar nicht zu. Dann muss mein Manager kommen und an meinem Bett Wache halten.

Knien Sie noch immer vor dem Einschlafen neben Ihrem Bett, um zu beten?
Nicht mehr. Ich habe mich zu oft gefragt: Mit wem spreche ich da eigentlich? Was kann er für mich tun? Wofür muss ich mich eigentlich jeden Tag bedanken? Irgendwann ist mir an der Gebetsfront der Saft ausgegangen.

Für eine DVD-Dokumentation sollen Sie sich mit Ihren ehemaligen Kollegen von Take That getroffen haben. Ist es ein Zeichen von Reife und Souveränität, dass Sie mit Ihrem Erzfeind Gary Barlow doch noch Frieden schließen?
Das ist ein lausiges Gerücht! Ich habe mich für diesen Film lediglich interviewen lassen. Ich bin weit davon entfernt, ihm zu vergeben. Es ist doch nicht bloß ein Robbie-Williams-Ding, schwelende Bitterkeit zu fühlen über etwas, das einem in der Jugend zugestoßen ist. Mir geht es darum, den 17-jährigen Jungen in mir zu beschützen, der sehr verletzt wurde. Das bin ich mir wert. Man ist auch, was und wen man hasst. Wenn ich an Gary Barlow erinnert werde, meldet sich in mir eine junge Stimme, die sagt: "Du warst heute nicht nett zu mir, Gary, deshalb werde ich dich jetzt in einen beschissenen Frosch verwandeln!"

Tourneen bringen Sie jedes Mal an den Rand des mentalen Zusammenbruchs. Warum werden Sie dennoch kommendes Jahr wieder touren?
Ich bin ein Konkurrenztyp, der den Wettkampf braucht. Ich muss bei allem so tun, als hinge mein Leben davon ab, dass ich am Ende auf dem Siegerpodest stehe. Ich will, dass "Intensive Care" mein erfolgreichstes Album wird, und ohne Tournee würde es sich schlechter verkaufen als die Vorgänger. Wahrscheinlich wird die Tour meiner Seele sehr wehtun, aber wenn ich Schmerzen habe, spüre ich wenigstens, dass ich lebendig bin.