Der Megastar

Robbie Williams - Intensive Care

Veni, vidi, vici. Für Robbie Williams scheint das in diesen Tagen ein Kinderspiel zu sein. Ein vor Selbstbewusstsein strotzender Superstar in Siegerpose. "Here I stand victorious, the only man who made you ever come…" Mit diesen Songzeilen aus dem Opener "Ghosts" beginnt "Intensive Care", das sechste Studioalbum von Robbie Williams. Der britische Entertainer lässt erst gar keine Zweifel aufkommen, dass der Thron des King of Pop ihm gebührt. Es herrscht Alarmstufe Rot für die Charts: "Intensive Care" nimmt Kurs auf die Spitzenplätze der europäischen Hitlisten. Bereits mit seiner aktuellen Single "Tripping" war Robbie ein weiterer künstlerischer wie kommerzieller Geniestreich gelungen. Die "wundersam futuristische Reggae-Nummer" (Der Spiegel) avancierte zum meistgespielten Top-Hit Europas und führte drei Wochen lang die deutschen Single Charts an. Mit der wohl medienwirksamsten Show des Popjahres 2005 hatte Robbie Williams kurz zuvor sein Album "Intensive Care" sprichwörtlich mit Pauken und Trompeten vorgestellt. Dass das "Idol der Hauptstadt" (FAZ), das von den mehr als 7.500 Fans im Berliner Velodrom frenetisch gefeiert wurde, mit all seinen Popklassikern von "Angels" über "Millennium" bis "Come Undone" schon längst die Regentschaft über die Herzen übernommen hat, machte dieses in etliche Kinos Europas live übertragene Spektakel einmal mehr deutlich.

Zwei Jahre lang hat Robbie Williams in seinem Domizil in Los Angeles an "Intensive Care" gearbeitet und dafür eigens ein Studio in seinem Schlafgemach eingerichtet. Bereits die letzten beiden neuen Singles - "Radio" und "Misunderstood" aus dem Album "Greatest Hits" - hatte er gemeinsam mit seinem neuen Co-Autoren Stephen Duffy geschrieben und auch die zwölf neuen Songs gehen auf das Konto des neuen Dreamteams. Duffy zählt seit Jahren zu den begabtesten englischen Songwritern, wenngleich dem einstigen Mitbegründer von Duran Duran und dem Mastermind der Folk-Pop-Kritikerlieblinge Lilac Time der große kommerzielle Durchbruch bislang versagt blieb. Das hat sich nun schlagartig geändert. Mit dem herrlich swingenden "Tripping" ist den beiden ein ganz großer Wurf gelungen, der nicht nur Europas Tanzflächen füllt, sondern auch die Ära eines Robbie Williams einläutet, der sich musikalisch gereifter und souveräner präsentiert denn je. Neben der James-Bond-Vignette "Millennium" und dem Dancefloor-Muskelspiel von "Rock DJ" dürfte "Tripping" zu den innovativsten Smash Hits gehören, die Robbie Williams in seiner neunjährigen Solokarriere gelungen sind. Aber "Intensive Care" birgt noch jede Menge anderer großartiger Momente: Perfekte Popsongs der ganz große Gefühle und für die ganz große Bühne.

Hatte Robbie auf "Escapology" die Höhen und Tiefen, die der Ruhm mit sich brachte, perfekt ausgelotet, so ist "Intensive Care" unter anderem eine nostalgische Rückschau auf seine Jugend, auf seine erste große Liebe und vor allem auf die Musik der Achtziger, die auf "Intensive Care" ein ums andere Mal in die heutige Zeit transportiert wurde. All die Inspirationsquellen von den Smiths und Prefab Sprout, Human League und sogar Roxette sind nicht immer direkt zu erkennen, dafür versteht es Robbie Williams macht seiner Stimme, beeindruckender Arrangements und einer über alle Maßen souveränen Produktion, jeden Song zu einem höchst wirksamen Instrument seiner Kunst zu machen. Mit "Intensive Care" ist es Robbie Williams gelungen, bei aller Zitierfreudigkeit, künstlerisch zu sich selbst zu gelangen. Sein erklärtes Ziel, ein perfektes Popalbum aufzunehmen, dessen Songs man in zwanzig Jahren noch hören kann, hat er erreicht. Songs wie "Ghosts" und "Spread Your Wings" sind gigantische Pophymnen, in denen sich der Spirit der New Romantics - von ABC über Human League bis Duran Duran - zu einer ganz eigenen Spätlese verdichtet.



Zu den Stärken von Robbie Williams gehörten schon immer seine Balladen. "Advertising Space" ist eine dieser alles überstrahlenden Balladen, die zweifellos in einem Atemzug mit "Angels" und "Feel" genannt werden muss. Diese mit allen nötigen Chören und Streichern kostbar verzierte Ballade handelt von der Begegnung mit dem Geist von Elvis Presley: der King of Pop im Zwiegespräch mit dem King of Rock'n'Roll. "Make Me Pure" ist ähnlich wie "Better Man" eine Läuterungsballade, ein Eingeständnis menschlicher Unvollkommenheit, klug und weitsichtig in der Selbstanalyse und doch von universeller Gültigkeit. Prachtvoll ausgestattet mit lichten Gitarren, sanften Streichern und Gospelchören wird in diesem fast schon spirituellen Popsong einmal mehr jene Sensibilität, jene Verletzlichkeit sichtbar, die Robbie Williams so menschlich macht. Noch intimer, wenn nicht ergreifender wirkt das einem verstorbenen Verwandten gewidmete "Please Don't Die", wogegen "King Of Bloke And Bird", das deutlich die musikalische Handschrift von Stephen Duffy trägt, eine letzte Grußadresse an die jungen Jahre ist und der Sehnsucht nach einer festen Liaison Raum gibt.

Dabei enthält "Intensive Care" nicht wenige frivole Momente, die eine ganz andere Sprache sprechen. "The Trouble With Me" ist vielleicht der Song, mit dem sich Robbie dem Habitus eines anderen Großmeisters der britischen Popkunst nähert, sprich Morrissey, der ebenfalls vor Jahren nach Los Angeles auswanderte, um dort sein Glück zu finden. Hält sich Robbie sonst mit überbotmäßigen Selbstbezichtigungen zurück, läuft er in diesem Punkt bei "The Trouble With Me" zu großer Form auf. "Your Gay Friend" wiederum ist ein ausgenommen frivoles Stück, das einerseits lüstern wirkt, andererseits melodisch so überkandidelt wie Roxette in ihrer besten Zeit. "Sin Sin Sin" zitiert unverfroren "Heroes" von David Bowie und scheint tatsächlich für all die Heldinnen einer langen Nacht geschrieben zu sein: "Everyone needs it baby/And I feel the same/didn't quite catch your name". Und dass Robbie auch richtig rocken kann, beweist er mit "A Place To Crash": Da treffen die wolllüstige Jaggerlippen auf das smarte Grinsen eines Robbie Williams, der die im Stonesgalopp daherpreschenden Gitarrenriffs in kalifornisch anmutende Fröhlichkeit eintaucht.

Robbie ist und bleibt ein Meister der Selbstinszenierung, der sich mit dem an das Tarot angelehnte Artwork von "Intensive Care" einmal mehr selbst übertroffen hat. Dass sich Robbie Williams Aleister Crowley als Inspirationsquelle ausgeschaut hat, scheint nicht nur an seinem Interesse für Magie und das Okkulte zu liegen. So schreibt das Wikipedia-Lexikon: "Crowley führte ein ausschweifendes Leben, äußerte regelmäßig seine Ansichten über Sex, welche zu seiner Zeit als sehr radikal galten, und bekannte sich offen zu seinem Drogenkonsum. Dieses Leben brachte ihm zahlreiche Angriffe der Regenbogenpresse ein, ein Image, das ihm als skandalumwitterter, dunkel schillernder Magier mit seinem Bedürfnis nach Selbstdarstellung entgegenkam." Das klingt schon fast wie die Beschreibung eines Wesensverwandten, allerdings fand Crowley zu Lebzeiten bei weitem nicht den Anklang wie Robbie Williams, der mit weltweit 35 Millionen verkauften Solowerken zu einem der erfolgreichsten Entertainer des 21. Jahrhunderts avanciert ist.

Ein Magier ist auch Robbie Williams. Er hat die Macht, jede Bühne dieser Welt in sein ganz eigenes Reich zu verwandeln, in dem er nach Belieben schalten und walten kann, der sein Publikum mit einem simplen Tanzschritt, einem Fingerzeig oder einer kleinen Bemerkung am Rande zur Ekstase treiben kann. All seine großen Shows, von der Swinginszenierung in der Royal Albert Hall über seine gigantische Open-Air-Show in Knebworth bis zu den dagegen fast privat wirkenden Auftritten der jüngsten Zeit, leben auch von der Schlagfertigkeit und dem Witz des Mannes, der Stoke-on-Trent zur bekanntesten Kleinstadt Englands gemacht hat. Seinem künstlerischen Geheimnis, seiner Mission, seiner Vision auf die Spur zu kommen, versuchte der britische Autor Chris Heath in seiner Robbie-Williams-Biographie "Feel": "Die wirkliche Schlacht tobt in seinem Inneren, zwischen dem Teil, der um jeden Preis unterhalten will, der möglichst vielen Menschen auf die raffinierteste Art, die ihm zur Verfügung steht, einwickeln und blenden will, und jenem Teil, der einige instinktiv getroffene Entscheidungen seines Lebens ablehnt und glaubt, dass es noch einen anderen Weg gibt. Selbst in seinem Inneren ist es kein simples Tauziehen zwischen Kunst gegen Kommerz. Viele leidenschaftliche Impulse haben sich zu seinen kommerziellsten Erfolgen entwickelt, und er misstraut übertriebener Eigenwilligkeit ebenso wie den willenlosen Befriedigungen von Publikumswünschen." Mit "Intensive Care" ist Robbie Williams das Kunststück gelungen, mit einem Dutzend Songs sein künstlerisches Spektrum wesentlich zu erweitern, ohne auf all die musikalischen Vertrautheiten zu verzichten: ein machtvoller Souverän über das Wunderland der Popmusik.